Antwort auf: [C&C] Charakter Balu "Dyson"

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Balu (N074G37H)
Teilnehmer

Perspective

Dyson reiste Blechklasse, als Gepäck. Komfort benötigte der Artifikant nicht und die GCL-Verbindung reichte auch in den Frachtraum, sodass er sich in den digitalen Weiten umsehen konnte.
Zunächst abonierte er eine Reihe wissenschaftlicher Magazine, vor allem solche, die er als Papierausgaben im Labor gesehen, oder über die er lobende Worte aus dem Mund seiner Kollegen gehört hatte und verbrachte einige Zeit damit, deren öffentliche Archive nach interessanten Details zu durchstöbern.
Anschließend wendete er sich seinem „Hobby“ zu und verschaffte sich einen Überblick über die Kulturen der Menschheit und der Außerirdischen Rassen, mit denen die Terraner seit dem ersten Kontakt in Berührung gekommen waren.

Abgesehen vom Protektorat, in dem die Maschinen die Macht übernommen hatten, schienen die Persönlichkeitsrechte von Artifikanten außerhalb des Syndikats nirgends uneingeschränkt anerkannt zu werden, doch auch untereinander hatten die organischen mitunter nur wenige Skrupel. Kaum eine Gesellschaft, die sich nicht direkt oder indirekt auf die Ausbeutung organischer und anorganischer Arbeitskräfte stützte und fast schien es, als hätten sich die verschiedenen Gesellschaften der Terraner ihre schlimmsten Eigenschaften zu Leitzielen gemacht.
Machthunger bei den Imperialen, Furcht bei der Union, Gier in Guanku, Arroganz im Haus Taesari, Gewalttätigkeit unter den Formorag, Genussucht im Syndikat und Stolz in der Allianz.

Natürlich definierte sich die Menschheit nicht nur durch ihre schlechten Eigenschaften, viele der Muster, die die menschlichen Reiche auszeichneten waren innovativ, effizient und von hohem intellektuellen Anspruch, auch wurde Dyson spätestens nach der Lektüre einiger antiker Standardwerke zum Thema Staatsphilosophie sehr schnell klar, dass es in der Natur der Macht selbst lag, denen zur Seite zu stehen, die sie an sich rissen und ihrem Willen unterwarfen.
Dyson speicherte sich ein Memo, dass ihnen beizeiten erinnern würde, sich dem Thema Macht und Politik genauer zuzuwenden, schien es ihm doch wichtig, doch für den Moment übersprang er die Frage danach und erkundete die ohne weiteres zugänglichen Informationen über distinkte Sitten und Gebräuche der terranischen Zivilisationen, von denen viele auf den ersten Blick widersinnig, ja irrational erschienen. Doch eben diese Widersinnigkeiten waren es, wie er bei einer kontemplativen Pause feststellte, die sein Interesse am meisten fesselten. Sie nach und nach zu entschlüsseln wirkte ähnlich befriedigend auf ihn, wie die Fehlersuche in einem verzwickten Schaltkreis oder die Entwicklung und Umsetzung hochkomplexer Entwürfe.

Der Gratraumantrieb jaulte auf. Dyson hatte gerade noch Zeit festzustellen, dass er noch nie zuvor einen solchen Antrieb im Einsatz erlebt hatte, auch wenn er sämtliche Prinzipien…

Aufdringliche Warnmeldungen verschiendester Systemprogramm flackerten im Geist des Artifikanten auf. Offensichtlich fehlten exakt Pi Sekunden seines Speichers und seine Basisprogrammierung vermutete, dass es einen Angriff auf das System gegeben hatte. Erfolgreich noch dazu. Verärgert schaltete der Globe die Warnungen ab und schrieb eine Routine, die in Zukunft Warnmeldungen bei solchen Zwischenfällen abschaltete und archivierte.
Eine Reihe von Erklärungsversuchen blitze in den künstlichen Neuronen auf, es schien am wahrscheinlichsten, dass die physischen Qualitäten des Gratraumes keine eigene „Zeit“ umfassten. Die „Dauer“ des Gratraums also nicht für die fliegenden, wohl aber für die Außenwelt verstrich. Ein Mensch mochte diese Tatsache verkennen, weil sein Gehirn den Zeitverlust rückwirkend rationalisierte oder schlicht ignorierte: Selbst für gut geschulte menschliche Gehirne waren der Erfahrung des Globes nach temporale Paradoxien prägend.
Sein eigener Zeitmesser hatte sich wahrscheinlich nach der Rückkehr in den Normalraum ganz normal synchronisiert und erst danach hatte das System seine Warnung ausgegeben.
Die Alternative: Das ihn jemand während eines für die Außenwelt exakt Pi Sekunden dauernden Gratsprungs exakt Pi Sekunden lang gehackt und exakt diese Zeitspanne aus seinen Speichern gelöscht hatte erschien Dyson höchst unwahrscheinlich – wenn auch nicht unmöglich. Er beschloss bei nächster Gelegenheit eine belastbare Quelle nach eigenen Erfahrungen zu fragen. Immerhin bestand auch die Möglichkeit, dass in seinen Systemen eine Fehlfunktion vorlag, oder ein Teil seiner Primärprogrammierung… Dyson unterbrach den Gedankengang, durch eines der wenigen Fenster im Frachtbereich fiel sein Blick auf die majestetische Syndicata Galactica, die Heimat des Syndikats, eine riesige Raumkonstruktion vollendeter Eleganz, eine Maschine von so organisch natürlicher Schönheit, dass man kaum glauben mochte, sie sei von Menschenhand errichtet.

Eine plötzliche Eingebung grub sich tief in seinen kybernetischen Denkapparat, einen Sinnspruch, den er zuvor gelesen, aber nicht begriffen hatte:

„Glaube nicht du kennst mich, bevor du nicht meiner Heimat Erde unter den Füßen gehabt.“ zitierte er aus dem Gedächtnis.
Er wollte verstehen. Die natürlichen wie auch die künstlichen Intelligenzen die das Universum bevölkerten. Und verstehen würde er nicht, bevor er nicht wenigstens die Heimatwelten der Völker bereist hatte.

Zwei Wochen lang ließ sich Dyson einfach treiben. Er erforschte das HORIZON und die Syndicata Galactica, traf sich hin und wieder mit Shinja und versuchte ein Gefühl, ein natürliches Verständnis für die Lebensweise seiner Mitbürger zu entwickeln – während er sie zeitgleich mit wissenschaftlicher Neugierde beobachtete und analysierte, zu dem Ergebnis kommend, dass er deutlich mehr Daten brauchte, um zu einem abschließenden Ergebnis zu kommen.

Doch ein Staat in dem biologische und künstliche Lebensformen gleichgestellt existierten und die von einer direkten Demokratie geprägt war, erschien ihm wenigstens im Vergleich zu den anderen Sternenreichen die bestmögliche Gesellschaft zu sein.
Natürlich nicht perfekt, eine irrende oder verblendete Mehrheit konnte immernoch Entscheidungen erwirken, die dem ganzen nicht zuträglich waren, doch er durch HORIZON begünstigte freie Informationsfluss schien diese Defizite weitgehend auszugleichen.

Im Gegensatz dazu war das Protektorat mit seiner lächerlichen Einheitsbrei-Partei und einem despotischen „Protektor“ ein Fehlschlag und eine Schande für jede Maschine mit Verstand und Charakter. Wahrscheinlich hatten dies alle Mitglieder der AKP, denen der nötige Horizont gegeben war, mittlerweile auch begriffen, doch sie schienen so tief in ihrem Traum von einer reinen Maschinengesellschaft verstrickt, dass sie sich ihr Scheitern nicht eingestehen konnten.

‚Urlaub‘ nannte Shinya diese Zeit die, ohne berufliches Tun verbracht, vorwiegend der eigenen Erheiterung diente. Und nach sieben Jahren ständiger Laborarbeit stand ein solcher dem Artifikanten eindeutig zu.

Doch zum Ende der zweiten Woche hin erregte eine Stellenanzeige seine Aufmerksamkeit: Ein kleiner Transporter stand vor seinem Aufbruch in die Exasphäre und rekrutierte Personal. Die Stelle des Mechanikers war vakant und die Bezahlung – an den durchschnittlichen Löhnen bemessen – angebracht. Dazu das Versprechen interessanter Erfahrungen in der Exasphäre.

Zunächst schien der Kapitän des Schiffes skeptisch – er hatte keinen Artifikanten erwartet und schien selbst aus der Exasphäre zu stammen, doch nach einem kurzen Gespräch und der Begehung des Schiffes, bei welcher es sich Dyson nicht nehmen ließ, auf zahlreiche wenig offensichtliche Mängel hinzuweisen, ließ sich der Mann überzeugen.

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